Was die Schweiz von 30 Jah­ren Strom­markt-Libe­ra­li­sie­rung ler­nen kann

Deutsch­land öff­ne­te sei­nen Strom­markt 1998. Öster­reich folg­te kurz dar­auf. Heu­te, fast 30 Jah­re spä­ter, lässt sich dar­aus ein kla­res Bild zeich­nen: Wie ver­än­dert sich ein Ener­gie­markt, wenn jeder Haus­halt sei­nen Lie­fe­ran­ten frei wäh­len darf? Und was bedeu­tet das für die Schweiz, falls sie die­sen Schritt geht?

Dr. Uwe Kolks hat den Pro­zess seit 1996 mit­ge­macht. Als lang­jäh­ri­ges Mit­glied der Geschäfts­lei­tung bei E.ON und spä­te­rer Ver­triebs­vor­stand ver­ant­wor­te­te er ein Kun­den­port­fo­lio von neun Mil­lio­nen Haus­hal­ten. In sei­nem Vor­trag, anläss­lich des Ener­gie­fes­ti­vals von Youti­li­ty, hat er sei­ne Erfah­run­gen ver­dich­tet. Hier sind die wich­tigs­ten Punk­te – mit Blick auf die Schweiz.

Die Öff­nung kommt lang­sam, dann plötzlich

Die Gesetz­ge­bung zog sich über Jah­re hin. Markt­öff­nung pas­siert nicht über Nacht. In Deutsch­land düm­pel­te der Wett­be­werb zunächst vor sich hin. Erst ab 2005 schoss das The­ma Kun­den­ak­ti­vi­tät nach vor­ne. In Öster­reich begann die ech­te Dyna­mik noch spä­ter, etwa ab 2015.

Heu­te sind bei­de Märk­te voll­stän­dig offen. Jeder pri­va­te Haus­halt wählt sei­nen Strom- und Gas­lie­fe­ran­ten frei. Inter­es­sant ist der Unter­schied bei der Digi­ta­li­sie­rung: In Öster­reich liegt der Smart-Meter-Roll­out nahe bei 100 Pro­zent. Deutsch­land arbei­tet bis heu­te weit­ge­hend mit Stan­dard­last­pro­fi­len und kommt nur schlep­pend vor­an. Die Schweiz ist hier bereits wei­ter fortgeschritten.

Dar­aus lässt sich eine ers­te Hypo­the­se für die Schweiz ablei­ten, die Kolks selbst for­mu­liert: Eine Öff­nung wür­de mit Ver­zö­ge­rung wir­ken. Die regio­na­le Treue blie­be lan­ge hoch, ähn­lich wie in Öster­reich. Erst danach zöge die Wech­sel­dy­na­mik lang­sam an.

Mehr Anbie­ter, nicht weniger

Vor der Libe­ra­li­sie­rung warn­ten vie­le vor einem Ster­ben der Stadt­wer­ke. Ska­len­ef­fek­te, Know-how-Bün­de­lung, Inves­ti­ti­ons­druck – das alles sprach für Kon­zen­tra­ti­on. Doch das Gegen­teil trat ein.

Die Zahl der Anbie­ter hat sich mehr als ver­dop­pelt. Heu­te zählt Deutsch­land rund 1600 Ener­gie­un­ter­neh­men. Vie­le klei­ne Händ­ler und Ver­triebs­or­ga­ni­sa­tio­nen ent­stan­den. Sie machen den eta­blier­ten Stadt­wer­ken und Regio­nal­ver­sor­gern das Leben schwer.

Die Stadt­wer­ke gibt es wei­ter­hin. Sie ver­die­nen ihr Geld vor allem als Netz­be­trei­ber und hal­ten die­ses Geschäft pro­fi­ta­bel. Für die klei­nen Ver­trie­be dage­gen wird der Markt immer kom­pli­zier­ter. Sie kämp­fen um jeden Kunden.

Kom­men­tar

Die Mar­ke ist der eigent­li­che Wechselschutz

Ein Gedan­ke möch­te ich der prä­zi­sen Ana­ly­se bei­fü­gen. Kolks beschreibt prä­zi­se, was im offe­nen Markt pas­siert: Kun­den wech­seln, Akqui­si­ti­on kos­tet, Ser­vice ent­schei­det. Doch hin­ter all die­sen Zah­len steht eine Grös­se, die sel­ten genannt wird – die Marke.

Die regio­na­le Treue, von der Kolks spricht, ist nichts ande­res als eine star­ke Mar­ke. Das Stadt­werk gehört der Stadt, das Schwimm­bad gehört der Stadt, die Kin­der bekom­men zur Ein­schu­lung ein Geschenk. Das sind kei­ne Tari­fe. Das sind Bedeu­tun­gen. Genau die­se Bedeu­tung schützt den Ver­sor­ger bes­ser als jeder Preis­vor­teil. Eine Mar­ke, die für etwas steht, muss ihre Kun­den nicht jedes Jahr neu kaufen.

Was vie­le unter­schät­zen: Eine Mar­ke baut man nicht in einer Kam­pa­gne auf. Man baut sie über Jah­re. Jeder Kon­takt, jede Rech­nung, jeder Anruf zahlt dar­auf ein – oder zieht davon ab. Die 71 Pro­zent treu­en Stadt­werk-Kun­den sind das Ergeb­nis von Jahr­zehn­ten ver­läss­li­cher Bezie­hung. Die­se Sub­stanz lässt sich nicht kau­fen und nicht beschleunigen.

Dafür hält sie. Eine Mar­ke, die über Jah­re Ver­trau­en auf­ge­baut hat, über­steht auch eine Markt­öff­nung. Sie ver­liert nicht zehn Pro­zent pro Jahr, son­dern bin­det. Genau hier liegt der gröss­te Feh­ler, den ein Ver­sor­ger vor der Libe­ra­li­sie­rung machen kann: erst über die Mar­ke nach­zu­den­ken, wenn der Wett­be­werb schon da ist. Dann ist es zu spät. Eine Mar­ke wirkt nur, wenn sie vor­her steht.

Für die Schwei­zer Ver­sor­ger heisst das: Die Zeit, um an der Mar­ke zu arbei­ten, ist jetzt. Nicht im ers­ten Jahr der Öff­nung, wenn die Wech­sel­an­ge­bo­te ein­tref­fen. Wer heu­te eine kla­re Posi­ti­on bezieht und sie kon­se­quent lebt, hat in zehn Jah­ren einen Vor­sprung, den kein Online-Anbie­ter mit Rabat­ten ein­holt. Eine Mar­ke ist lang­sam im Auf­bau und zäh im Bestand. Das macht sie zum wert­volls­ten Aktiv­pos­ten in jeder Marktveränderung.

Der Umzug ent­schei­det über den Erfolg

Ein Mecha­nis­mus prägt den deut­schen Markt beson­ders stark: das Grund­ver­sor­gungs­mo­dell. Alle drei Jah­re wird je Post­leit­zahl­ge­biet fest­ge­stellt, wer die meis­ten Kun­den hat. Die­ses Unter­neh­men wird zum Grundversorger.

Zieht jemand neu in ein Gebiet und küm­mert sich um vie­les, aber nicht um den Strom­ver­trag, lan­det er auto­ma­tisch beim Grund­ver­sor­ger. Kein Licht geht aus. Der Regu­lie­rer woll­te das so. Der Kun­de soll bei jedem Umzug neu ent­schei­den – anders als bei einer Ver­si­che­rung, die man ein­fach mitnimmt.

Für Ver­trie­be hat das har­te Fol­gen. Jedes Jahr zie­hen rund zehn Pro­zent der Men­schen um. Der Kun­de mel­det sich am alten Ort ab und am neu­en wie­der an. Wer sei­ne Kun­den beim Umzug nicht sau­ber beglei­tet, ver­liert sie. Dann muss er sie teu­er neu gewin­nen. Der Umzugs­pro­zess ist des­halb geschäftskritisch.

Treue ist regio­nal sehr verschieden

Die Wech­sel­quo­ten zei­gen einen kla­ren Unter­schied zwi­schen den Län­dern. In Deutsch­land wech­seln rund zehn Pro­zent der Kun­den pro Jahr. In Öster­reich sind es nur vier bis fünf Prozent.

Die Öster­rei­cher blei­ben län­ger treu, obwohl ihr Markt offen ist. Sie suchen sel­te­ner den schnel­len Vor­teil von 200 Euro oder Franken.

Inner­halb Deutsch­lands zeigt sich das­sel­be Mus­ter im Klei­nen. Stadt­wer­ke und Regio­nal­ver­sor­ger pro­fi­tie­ren von regio­na­ler Nähe. Das Schwimm­bad gehört der Stadt, die Kin­der bekom­men zur Ein­schu­lung ein klei­nes Geschenk – man fühlt sich ver­bun­den. Im urba­nen Raum dage­gen ken­nen die Men­schen die­se Bin­dung kaum. Wer in der Stadt wohnt, fragt sich eher, war­um er beim loka­len Ver­sor­ger blei­ben soll.

Ein kon­kre­tes Bei­spiel: In Ber­lin lies­sen sich die meis­ten Kun­den gewin­nen. Den Ber­li­nern war ihr Stadt­werk zu klein. Sie erwar­te­ten beim gros­sen Anbie­ter mehr Vor­tei­le – ähn­lich wie Käu­fer von klei­nen Online-Shops zu Ama­zon abwandern.

Pri­va­ti­sie­rung, Rekom­mu­na­li­sie­rung, Konzentration

Der Markt durch­lief meh­re­re Wel­len. Zuerst woll­ten vie­le Kom­mu­nen pri­va­ti­sie­ren. So muss­ten sie die Inves­ti­tio­nen der Libe­ra­li­sie­rung nicht selbst stem­men. In die­ser Pha­se kauf­ten Inves­to­ren wie Vat­ten­fall aus Schwe­den gan­ze Ver­sor­gungs­ge­bie­te, etwa in Ham­burg und Berlin.

Eini­ge Jah­re spä­ter kam die Gegen­be­we­gung. Die Kom­mu­nen merk­ten, dass sich mit dem Netz viel Geld ver­die­nen lässt. Sie hol­ten Net­ze zurück in die öffent­li­che Hand. Ham­burg über­nahm sein Netz nach Ablauf der Kon­zes­si­on wie­der. Doch das Tafel­sil­ber war an vie­len Stel­len längst ver­kauft. Und die Kun­den blie­ben draus­sen – im libe­ra­li­sier­ten Markt lies­sen sie sich nicht zurückholen.

Baden-Würt­tem­berg ging einen eige­nen Weg. Aus meh­re­ren Ver­sor­gern ent­stand früh die EnBW, Ener­gie Baden-Würt­tem­berg. Land und Städ­te hal­ten die Haupt­an­tei­le. So bau­te die Regi­on ein wett­be­werb­li­ches Schutz­schild. Heu­te ist die EnBW sehr gut unterwegs.

Auch bei den Gross­kon­zer­nen gab es einen gros­sen Tausch. RWE kon­zen­trier­te sich auf die Erzeu­gung und gab sein rege­ne­ra­ti­ves Port­fo­lio an E.ON ab. Die EU prüf­te lan­ge, ob das markt­be­herr­schend wirkt. Inzwi­schen ist der Umbau abgeschlossen.

Vom Ener­gie­ver­sor­ger zum digi­ta­len Unternehmen

Die Argu­men­te für Kon­zen­tra­ti­on – Ska­len­ef­fek­te, Wett­be­werbs­druck – waren zum dama­li­gen Zeit­punkt etwas früh. Hät­te man nichts getan, wäre es nicht dra­ma­tisch gewor­den. Heu­te sieht das anders aus.

Die Digi­ta­li­sie­rung ver­schärft das Know-how- und Inves­ti­ti­ons­pro­blem. Ein­spei­sung von erneu­er­ba­rer Ener­gie, Intel­li­genz in den Tra­fo­sta­tio­nen, der Umgang mit gros­sen Daten­men­gen – all das for­dert die Unter­neh­men. Ener­gie­ver­sor­ger wer­den zuneh­mend zu digi­ta­len Unter­neh­men. Ihr Cha­rak­ter ver­än­dert sich.

Genau die­sel­be Dis­kus­si­on läuft in der Schweiz. Und sie ent­facht die alte Fra­ge neu: Wel­ches Stadt­werk kann das über­haupt noch stemmen?

Kun­den blei­ben kür­zer – und das wird teuer

Eine jähr­li­che Markt­stu­die zeigt eine deut­li­che Ver­schie­bung. Frü­her war die Mehr­heit der Kun­den über zwei Jah­re beim sel­ben Anbie­ter. Bei den drei gros­sen Ver­sor­gern liegt die­ser Anteil heu­te nur noch bei rund einem Vier­tel. Die meis­ten Kun­den sind weni­ger als zwei Jah­re dabei.

Das hat har­te wirt­schaft­li­che Fol­gen. Ein Bei­spiel: Bei einem typi­schen Pri­vat­kun­den liegt der Umsatz bei rund 1500 bis 1800 Euro im Jahr. Nach Netz­ent­gelt, Wech­sel­pro­zes­sen und Ser­vice blei­ben am Ende viel­leicht 100 Euro Gewinn. Die Akqui­si­ti­on eines Kun­den über Online­por­ta­le kos­tet aber bis zu 200 Euro.

Dar­aus folgt eine ein­fa­che Rech­nung. Der Kun­de muss min­des­tens drei Jah­re blei­ben, damit er sich rech­net. Ver­lässt er den Anbie­ter schon nach einem Jahr, bleibt kein Deckungs­bei­trag. Das Geschäft funk­tio­niert wie bei Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­un­ter­neh­men: Ohne Kun­den­bin­dung kein Gewinn.

Die Stadt­wer­ke ste­hen hier bes­ser da. Bei ihnen blei­ben rund 71 Pro­zent der Kun­den län­ger als zwei Jah­re. Die regio­na­le Treue zahlt sich aus.

Die rei­nen Online-Anbie­ter kämp­fen am här­tes­ten. Sie haben jähr­li­che Wech­sel­ra­ten von 30 bis 40 Pro­zent. Dafür hal­ten sie die Kos­ten tief. Ein Anbie­ter mit einer hal­ben Mil­li­on Kun­den kommt mit rund 30 Mit­ar­bei­ten­den aus und lagert vie­les an Dienst­leis­ter aus. Doch das Rad dreht sich jedes Jahr neu: 150 000 Kun­den kom­men, 150 000 gehen. Das kostet.

Wor­auf es im offe­nen Markt ankommt

Aus 30 Jah­ren Erfah­rung las­sen sich vier Erfolgs­fak­to­ren ableiten.

Ser­vice. Ein deut­scher Kun­de hat im Schnitt ein­mal pro Jahr Kon­takt zu sei­nem Ver­sor­ger. Bei die­sem Kon­takt muss alles funk­tio­nie­ren. Ein nega­ti­ves Erleb­nis genügt, und der Kun­de sucht sich einen ande­ren Anbie­ter. Ser­vice ent­schei­det über Bindung.

Naht­lo­se Abwick­lung. Was digi­tal lau­fen kann, soll digi­tal lau­fen – über alle Gene­ra­tio­nen hin­weg. Die Erwar­tung kennt kei­ne Stadt-Land-Gren­ze mehr. Die Men­schen sind beque­me digi­ta­le Abläu­fe gewohnt und ver­lan­gen sie auch vom Energieanbieter.

Alter­na­ti­ve Ener­gie­lö­sun­gen. Immer mehr Haus­hal­te brau­chen mehr als einen Strom­ta­rif. Sie haben eine PV-Anla­ge auf dem Dach, eine Wall­box in der Gara­ge, viel­leicht einen Spei­cher. Der Fami­li­en­rat fragt sich: Rech­net sich das alles? Hier set­zen neue Geschäfts­mo­del­le an, etwa der Anbie­ter Octo­pus. Wer wech­seln darf, wird krea­tiv. In der Schweiz macht sich heu­te kaum jemand sol­che Gedan­ken, weil der Wech­sel nicht mög­lich ist. Frei­heit erzeugt Nachfrage.

Sys­te­me und Beschaf­fung. IT und ener­gie­wirt­schaft­li­che Sys­te­me wer­den immer wich­ti­ger. Ener­gie­un­ter­neh­men sind sel­ten gut bei IT-Pro­jek­ten und ver­bren­nen dort viel Geld. Auch die Beschaf­fung ist anspruchs­voll. Je dyna­mi­scher der Markt, des­to kom­ple­xer wird der Ein­kauf. Vie­le Unter­neh­men kau­fen in klei­nen Tran­chen über das Jahr ver­teilt, um das Risi­ko zu streu­en. Wer dage­gen zu lan­ge spe­ku­la­tiv am Spot­markt ein­kauft, ris­kiert viel. Die Ener­gie­kri­se zeig­te das dras­tisch: Ein Ver­sor­ger in Basel hat­te sein Gas zu lan­ge am Spot­markt beschafft. Als die Prei­se durch die Decke schos­sen, kos­te­te das die Bas­ler Bür­ger viel Geld.

Fazit für die Schweiz

Die Libe­ra­li­sie­rung lässt die Anbie­ter­zahl nicht schrump­fen, son­dern wach­sen. Sie macht das Geschäft dyna­mi­scher und anspruchs­vol­ler. Und sie ver­schiebt die Macht zum Kunden.

Für die Schweiz zeich­net sich ein wahr­schein­li­cher Ver­lauf ab. Die Öff­nung wür­de ver­zö­gert wir­ken. Die regio­na­le Treue blie­be zunächst hoch. Dann zöge die Wech­sel­dy­na­mik lang­sam an. Die Ver­sor­ger müss­ten in Ser­vice, digi­ta­le Abläu­fe und neue Ener­gie­lö­sun­gen inves­tie­ren – und gleich­zei­tig ihre Beschaf­fung im Griff behalten.

Wer das beherrscht, gewinnt. Wer es nicht beherrscht, ver­liert sei­ne Kun­den an jene, die es bes­ser können.